Das Kirchenjahr
Advent
Weihnachten
Passion
Ostern
Pfingsten
Trinitatis
Johannis und Michaelis
Erntedank
Reformation
Ewigkeit |
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Das Kirchenjahr
Fotos: Ludwig
Winkler, Stuttgart
Texte: Reinhard Brandhorst, Stuttgart
Das Kirchenjahr meint den eigenen Rhythmus, nach dem in der christlichen
Gemeinde die Wochen und Feste im Laufe eines Jahres gestaltet werden. Es
vergegenwärtigt das Leben Christi und seine Bedeutung für den Weg der
Kirche. Im Kirchenjahr „schenkt Gott stets von neuem und stets in ganzer
Fülle sein Wort in immer neuem Licht“ (Jochen Klepper). In seinen
Grundzügen geht das Kirchenjahr auf die Alte Kirche zurück, so dass
vieles den verschiedenen Konfessionen gemeinsam ist. Auch steht das
Kirchenjahr, das am 1. Advent beginnt, nicht im Gegensatz zum Naturjahr
oder dem bürgerlichen Kalender. Doch setzt es andere Schwerpunkte, will
Zeit und Raum geben, Gott in der Gemeinschaft der Gläubigen zu feiern.
Mit dem Kirchenjahr sind wechselnde
Farben
verbunden, erkennbar an den Paramenten, den Tüchern an Altar und Kanzel
und der Stola auf dem Talar. Das lichte
Weiß
ist die Christusfarbe zu Weihnachten, Epiphanias und Ostern. Dagegen
weist das
Schwarz
als Verneinung jeder Farbe auf den Tod Jesu. Mit
Violett
als Bußfarbe kündigen Advent und Passionszeit die hohen Feste an und
bereiten darauf vor.
Grün
als ruhige Farbe lässt in den Wochen nach Trinitatis an Wachsen und
Gedeihen, an Hoffnung und stetigen Segen denken.
Rot
erinnert an feurige Flammen wie zu Pfingsten, an die Liebe, an den
Heiligen Geist.
Advent
heißt Ankunft und
auch Zukunft. Im Altertum bezeichnete dieser Ausdruck den Besuch eines
neuen Herrschers in seiner Stadt. Für Christen sind es die vier Wochen
am Anfang des Kirchenjahres, die auf das Weihnachtsfest vorbereiten.
Jeden Sonntag wird eine weitere Kerze am Adventskranz entzündet, jeder
Sonntag hat sein Thema. Der Erinnerung an Jesu Einzug in Jerusalem (1.
Advent) folgt der Ausblick auf seine Wiederkunft am Ende der Zeiten (2.
Advent). Zwei biblische Gestalten zeigen zudem die Spannung, die zur
Adventszeit gehört: der herbe Bußprediger und den Weg des Messias
bereitende Johannes der Täufer (3. Advent) sowie Maria, die Mutter Jesu,
der die Geburt des Retters verkündigt und die so zur Frau „in guter
Hoffnung“ wird (4. Advent). In den Gemeinden und darüber hinaus wird
bereits vorweihnachtlich gefeiert, während die Geschäftigkeit vieler
Festvorbereitungen einer Einkehr und Besinnung eher hinderlich sein mag.
Das Violett als liturgische (Buß-)Farbe setzt für diese Zeit durchaus
auch einen fragenden Ton: Wie steht es mit den Erwartungen für das
eigene Leben, für Familie und Freundschaft, für das Miteinander
hierzulande und unter den Völkern, für den Lauf der Welt?
Weihnachten
umfasste
ursprünglich die zwölf „geweihten“ Nächte. Sie beginnen mit der Nacht
zum 25. Dezember, in der Jesu Geburt gefeiert wird, und dauern bis zum
6. Januar, Epiphanias (Erscheinung) genannt. Weil sich neben
„Bethlehem“ und „zur Zeit des Kaisers Augustus“ nichts Genaueres über
ein Geburtsdatum Jesu findet, hat der Termin des
Christfestes
symbolische Bedeutung. In der dunkelsten Zeit des Jahres, während in Rom
die „Unbesiegbare Sonne“ als Gott verehrt wurde und Germanen das wilde
Treiben finsterer Mächte fürchteten, bekennen Christen mit diesem Fest:
in Jesus ist das Licht der Welt erschienen. Als Mensch, der als Kind in
der Krippe zu finden ist, ist Gott zur Welt gekommen. Dieses
„menschliche Maß“ hat sicher zur Beliebtheit von Weihnachten
beigetragen; das zeigen die Bekanntheit der Geburtsgeschichte (Lukas 2)
und viele volkstümliche Weihnachtslieder. Der Brauch des Schenkens zu
diesem großen Familienfest kann auf die Zuwendung Gottes verweisen:
„Also hat Gott die Welt geliebt...“ (Johannes 3). Davon soll auch
menschliches Miteinander bestimmt sein.
Epiphanias
am 6. Januar mit den „Weisen aus dem Morgenland“ und die folgenden
Wochen zeigen anschaulich, wie durch Jesu Erscheinen, seine Verkündigung
und sein Handeln Lebensverhältnisse verwandelt werden (Geringsein in
Größe, Mangel in Fülle, Fremdheit in Nähe, Angst in Vertrauen,
Verklärung).
Passion
Passion
ist die Bereitschaft, Leiden auf sich zu nehmen. ist ein unübersehbares
Kennzeichen des Weges Jesu von Nazareth. Er setzt sich nicht nur der
irdischen Begrenztheit, Schuld und Versagen, Vergänglichkeit und Tod
aus, sondern er duldet das schmachvolle und quälende Sterben am Kreuz.
Dass dies in Einklang mit dem Willen
Gottes geschieht, ist für viele Religionen, Weltanschauungen und
Philosophien nicht nur unverständlich, sondern anstößig. Christen
erkennen aber gerade darin die Zuwendung Gottes zur Welt, seine
Versöhnung, die Überwindung von Sünde und Tod. Mit dem
Aschermittwoch
beginnen vierzig Tage,
in denen Christen liturgisch den Weg Jesu nach Jerusalem begleiten (Sonntag
Estomihi).
Sie stellen sich wie er der Bedrohung (Invokavit)
und dem Ausgeliefertsein (Reminiszere),
lassen sich in die Nachfolge rufen (Okuli)
und bedenken die Hingabe
Jesu (Lätare,
Judika).
Die lateinischen Bezeichnungen stammen von den Sonntagspsalmen. Große
Kirchenmusik wie die Passionen J.S. Bachs suchen die Botschaft vom Kreuz
zu vertiefen. Als Zeit des Fastens, der Selbstprüfung, der Umkehr
(Violett als Bußfarbe) und des Verzichts ist diese Zeit neu entdeckt
worden. Wenngleich diese Zeit ein Durchgang (Passa) ist, bleiben
Karwoche
und
Karfreitag
zugleich Höhe- und Tiefpunkt des Weges Jesu.
Ostern
In
den germanischen Sprachen ist der Name für die Feier der Auferstehung
Christi (abgeleitet von „Morgenröte“). Hier liegt die innere Mitte des
Kirchenjahres und das Zentrum des christlichen Glaubens. 40 Tage (bis
Himmelfahrt) bzw. 50 Tage (bis Pfingsten) geht das Fest. Der jährlich
wechselnde Ostertermin (abhängig vom Frühlingsbeginn) feiert die
Überwindung des Todes durch die Auferweckung des Gekreuzigten, die
Erneuerung der Schöpfung und die Befreiung wie einst beim Auszug aus
Ägypten (Passa). Das wiederholt allwöchentlich der Ruhe- und Feiertag
der Christen: der
Sonntag.
Neues Leben ist mit der Auferstehung eröffnet und gibt Grund zur Freude
(Sonntag
Jubilate),
zum Singen (Kantate),
zum Beten (Rogate).
Mit der
Himmelfahrt Christi
wird deutlich, dass seine Gegenwart nun nicht mehr der Beschränkung nach
Raum und Zeit unterworfen ist, sondern dass er bei uns ist „alle Tage
bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28). Das Weiß als Christusfarbe hebt den
festlichen Charakter dieser Zeit hervor. Die Osterkerze brennt an diesen
Tagen, immer wenn die Kirche geöffnet ist. Nach Pfingsten wird sie
jeweils dann entzündet, wenn eine Taufe gefeiert wird.
Pfingsten
hat
seinen Namen vom „fünfzigsten“ Tag nach Ostern (griechisch: pentekoste).
Es ist sowohl Abschluss der Osterzeit als auch ein eigenständiges Fest.
Es erinnert an die Sendung des Geistes auf die erste Gemeinde in
Jerusalem. Das Feurige des Heiligen Geistes (Apostelgeschichte 2), seine
Wirkung als Liebe (Römer 5) wie auch die Befähigung, sein Leben
hinzugeben, bringt das liturgische Rot zur Geltung. Pfingsten kann als
„Geburtstag der Kirche“ begriffen und durchaus mit einer „Konfirmation“
verglichen werden. Seit Pfingsten sind Christen zu einer eigenständigen,
selbstverantwortlichen Wahrnehmung und Bezeugung des Glaubens berufen.
Sie werden dazu vom Heiligen Geist „mit seinen Gaben erleuchtet,
geheiligt und erhalten“ und „mit der ganzen Christenheit auf Erden
gesammelt“ (Martin Luther). Um diesen von Jesus verheißenen Tröster, der
uns „in alle Wahrheit leiten wird“ (Johannes 16), bittet die Kirche
immer neu: „Veni Creator Spiritus – Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist,
besuch das Herz der Menschen dein, mit Gnaden sie füll; denn du weißt,
dass sie dein Geschöpfe sein.“ (nach Hrabanus Maurus)
Trinitatis
Trinitatis
sucht das christliche Nachdenken über Gott in einem Begriff zu fassen:
Dreieinigkeit (auch Dreifaltigkeit). Gott als Vater, Sohn und Heiliger
Geist. Nach dem
Trinitatisfest
folgen bis zu 24 „grüne“ Wochen. Sie entfalten, was es heißt, als
Gemeinde Jesu durch die Zeit – von Ostern und Pfingsten hin zur ewigen
Vollendung – auf dem Weg zu sein. Es geht darum, in Verantwortung vor
dem Schöpfer, in der Nachfolge Jesu und im Vertrauen auf das Wirken des
Heiligen Geistes das Leben aus dem Glauben zu gestalten. Die Sonntage im
Einzelnen thematisieren, wie Christen sich verstehen und verhalten:
gegründet auf das Zeugnis der
Apostel und Propheten,
selbst zu Christus
eingeladen
und andere einladend, im Vertrauen auf das
Wort von der Versöhnung,
durchaus weiterhin als eine
Gemeinde der Sünder,
vom rettenden Ruf
zur Nachfolge getroffen, von der Zusage in der
Taufe
herkommend, am Tisch
des Herrn
immer wieder zum Abendmahl versammelt, durch die
Gaben des Geistes
beschenkt und gefordert. Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist besonders
dem Verhältnis von
Juden und Christen
gewidmet. Die biblischen Texte an weiteren Sonntagen zeigen u.a. das
Beispiel von
Pharisäer und Zöllner,
das Vorbild des
barmherzigen Samariters
oder sie fragen nach den
Ordnungen Gottes
oder dem Leben als
Kirche in der Welt.
Johannis und Michaelis
sind
weniger häufig begangene Gedenktage. Um etwa ein halbes Jahr versetzt
rufen sie die beiden großen Feste des Kirchenjahres in Erinnerung, deren
liturgisches Weiß auch hier aufscheint. Am 24. Juni, auf der Höhe des
Jahres, weist die Geburt
Johannes des Täufers
über sich hinaus auf Jesus, den kommenden Messias. Johannes kann sich
ihm gegenüber in seiner Bedeutung zurücknehmen: „Er muss wachsen, ich
aber muss abnehmen.“ (Johannes 3) Am 29. September, im beginnenden
stürmischen Herbst, gibt es mit dem Fest
„Michael und alle Engel“
einen Rückbezug auf Ostern, auf den mit der Auferstehung Christi
errungenen Sieg. Die gottgewirkte Überwindung letzter Bedrohung
vergewissert dem Leben letzte Bewahrung durch Gott. Engel sind in der
biblischen Tradition Boten Gottes, die seinen guten Willen
vergegenwärtigen. Das mag kämpferisch-helfend sein wie mit Michael
(Offenbarung 12) oder verkündigend-tröstlich wie mit Gabriel (Lukas 1)
oder heilsam und schützend wie mit Rafael (Tobias 12). Als „dienstbare
Geister“ stehen Engel für die persönliche Nähe Gottes ein, von der
Dietrich Bonhoeffer schrieb: „Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am
Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Erntedank
wird
auf dem Lande wie auch in der Stadt gefeiert, denn es geht um mehr als
das Ernten auf Feldern, in Weinbergen und Hausgärten. Auch wenn der
Altar zumeist mit geernteten Früchten geschmückt wird, zeigt das
Erntedankfest
den Zusammenhang menschlicher Arbeit und Anstrengung mit dem empfangenen
Segen, über den nur Gott verfügt. „Es geht durch unsre Hände, kommt aber
her von Gott.“ (Matthias Claudius) Das wird im Blick auf die Nahrung,
die wir brauchen, und die Natur, von der wir in hohem Maße abhängig
sind, besonders deutlich. Die zur Kirche gebrachten Gaben anschließend
bedürftigen Menschen weiterzugeben, verbindet Dankbarkeit und Teilen als
praktizierte Nächstenliebe. „Gutes zu tun und mit anderen zu teilen,
vergesst nicht, denn solche Opfer gefallen Gott.“ (Hebräer 13) In den
letzten Jahren ist der Wunsch nach einem eigenen
Tag der Schöpfung
laut geworden; nicht nur, um den Auftrag zur Bewahrung
der Schöpfung zu unterstreichen, sondern um eine Frömmigkeit zu
entwickeln, in der die staunende Dankbarkeit über die Wunder der
Schöpfung deutlicher betont wird. „Herr, wie sind deine Werke so groß
und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner
Güter.“ (Psalm 104)
Reformation
Nicht
nur ein Datum in der Geschichte, sondern eine bleibende Aufgabe ist nach
dem Selbstverständnis der evangelischen Kirche die Reformation der
Kirche. Dazu wird beispielhaft und hervorgehoben an den Thesenanschlag
Martin Luthers am
31. Oktober
1517
an der Schlosskirche in Wittenberg erinnert. Das
Reformationsfest
betont Gnade und Glaube und die Berufung auf das „Evangelium“ in der
Bibel als Quelle und Maßstab der Verkündigung. Es zeigt so das
„evangelische“ Profil; ohne die ökumenische Verpflichtung zu vergessen
und den Schmerz über die Trennungen der Christenheit zu verdrängen. Noch
weitere Gedenktage besinnen sich auf die „eine, heilige, allgemeine und
apostolische Kirche“ und bedenken, was es heißt, als Christ zur
„Gemeinschaft der Heiligen“ (Glaubensbekenntnis) zu gehören und von
einer „Wolke von Zeugen“ des Glaubens (Hebräer 12) umgeben zu sein. So
werden da und dort noch
Aposteltage
wie Petrus und
Paulus am 29. Juni begangen oder
Märtyrertage
wie Stephanus am 26. Dezember; auch an
Glaubenszeugen
der älteren und neueren Geschichte kann gedacht werden. Ebenso erinnert
das Kirchweihfest
(oft im Oktober) Christen an ihren Auftrag. „Als lebendige Steine erbaut
euch zum geistlichen Haus und zur heiligen Priesterschaft.“ (1. Petrus
2) Rot als Farbe des Heiligen Geistes verbindet die Feste der Kirche.
Ewigkeit
"in die Zeit leuchte hell hinein“, so
singt ein Lied am Ende des Kirchenjahres. Das Ende lässt Christen in
zweifache Richtung schauen: hoffnungsvoll hinaus auf eine Vollendung, wo
„weder Tod noch Leid noch Geschrei noch Schmerz mehr sein wird“
(Offenbarung 21), und zugleich prüfend zurück auf dies begrenzte Leben
mit der Frage Jesu: „Was habt ihr getan?“ (Matthäus 25) Der
Friedenssonntag
und der Buß- und
Bettag
stellen nicht nur ethische Fragen zur persönlichen Lebensgestaltung,
sondern auch zum Auftrag der Weltverantwortung des Glaubens. Erfahrungen
des Versagens, Scheiterns und der Schuld begegnet die Zusage von
Vergebung und Neuanfang. Am
Letzten Sonntag im Kirchenjahr
werden oft die Namen der Verstorbenen im Gottesdienst genannt. Die
Hoffnung des ewigen Lebens eröffnet einen Horizont, vor dem Christen
Abschied nehmen können. Selbst angesichts dunkler Zeiten gibt es
Zuversicht und Ermutigung. Entsprechend steht in unserem Gesangbuch die
Vision: „Gloria sei dir gesungen / mit Menschen- und mit Engelzungen, /
mit Harfen und mit Zimbeln schön. / Von zwölf Perlen sind die Tore / an
deiner Stadt; wir stehn im Chore / der Engel hoch um deinen Thron. /
Kein Aug hat je gespürt, / kein Ohr hat mehr gehört / solche Freude. /
Des jauchzen wir / und singen dir / das Halleluja für und für.“ (Philipp
Nicolai) |